Altes Archivgelände - 10 Punkte für die Zukunft

von Thomas Luczak

  1. Das Gelände um das alte Archivgebäude ist kein leerer Ort. Er ist bedeutungsvoll und muss vor Banalisierung und Beschönigung geschützt werden. Der normale horror vacui der Stadtplanung ist hier doppelt fehl am Platze.

  2. Das Offenhalten des zentralen Bereichs um den Einsturzort, inklusive Gleisbauwerk und Krater, ist auf viele Jahre technisch/juristisch anscheinend unabdingbar, damit aber auch eine Chance für eine offene Debatte über die Zukunft dieses Ortes.

  3. Erst das Engagement der Initiative Archivkomplex (Tafeln von Reinhard Matz) hat die Verwaltung dazu gebracht, einen Erinnerungsort mit Hinweistafel zu planen. Die intensive Bürger-Beteiligung am Workshop hat Hoffnung gemacht. Das Ergebnis lässt jedoch befürchten, dass dies alles nur Lippenbekenntnisse waren. Es haben sich anscheinend diejenigen durchgesetzt, die mit banalem, an dieser Stelle unwürdigem Städtebau die Erinnerung im wahrsten Sinne des Wortes an den Rand drängen wollen. Es war falsch, das Thema der Erinnerung Schulbauexperten als Nebenaufgabe zu stellen. Wer die beste Turnhalle bauen kann, ist deshalb noch keineswegs der berufene Baumeister für den notwendigen Erinnerungsraum.

  4. Was bis heute öffentlicher Grund und Boden war, muss es auch in Zukunft bleiben. Der Waidmarkt muss seine alten Bedeutung als Ort des Konflikts zwischen Bürgern und Patriziern zurückgegeben werden. Der Raum oberhalb einer Tabuzone (z.B. 7 m) muss jedoch nicht unbedingt öffentlich genutzt werden.

  5. Der Grund der Stadt und seine Schichtungen sollen an dieser Stelle für alle Zeiten sichtbar bleiben.

  6. Es ist eine künstlerisch-räumliche Auseinandersetzung mit diesem zentralen Ort nötig, unter Einbeziehung von St. Georg, den Schulen, Waidmarktbebauung. Der Beginn dazu sollte eine Organisation permanenter temporärer Kunstaktionen an diesem Platz sein, um die Erinnerung an die Katastrophe wachzuhalten und Gegenpositionen zum Mainstream zu fördern (Zeit der Aufklärer, Provokateure, Narren und Kritiker in einem unvermuteten Kunstraum).

  7. Der abgeschlossene Wettbewerb hätte Wege aufzeigen können. Die Preisträger haben jedoch dem offenkundigen Druck des Auslobers nachgegeben, der von Anfang an eine uninspirierte Blockrandschließung mit banaler Nutzung bevorzugt hat. Es wird zu prüfen sein, ob andere Teilnehmer mutiger diesem Druck widerstanden haben. Umso wichtiger ist die Fortsetzung der Bürgerbeteiligung vor einer Ratsentscheidung, z.B. durch die Wiedereinberufung des ehemaligen Workshops (Modell Helios, BUGA). Der städtebauliche Teil des Wettbewerbs muss annulliert werden.

  8. Die Verwaltung muss ein Zeittableau vorlegen, welche Entscheidungen wann und warum getroffen werden müssen. Dabei sollte ein Verzicht auf finale Planung angestrebt werden, eine Planung der endgültigen Vorläufigkeit. An dieser Stelle ist eine Stadtcollage angemessener als eine Kaschierung durch konventionelle Stadtbausteine. Schon die disparate, aufregende Position von St. Georg ruft nach einem Zulassen permanenter Unordnung.

  9. Die Hinterfragung der früheren Verkehrssituation darf nicht tabuisiert werden. Es kann sein, dass an dieser Stelle ein Ort der Stille und Entschleunigung gebraucht wird. Dazu passt kein bewusstlos rasender Verkehr. Die Beruhigung würde auch den Anrainern, den Schulen, der Kirche und der Waidmarktbebauung dienen. Eine 100 m lange Strecke des gebremsten Verkehrs, ein Raum des shared space, gleichberechtigt für alle Verkehrsteilnehmer, würde keinen Zusammenbruch des städtischen Verkehrs bedeuten (tut es ja auch heute in der beengten Kratergegend schon nicht).

  10. Eine Stadt braucht Ruinen und mythische Orte. An dieser Stelle besteht die Kunst darin, eine neue Ruine zu schaffen. Das schadet nicht der Selbstdarstellung der Stadt, sondern zeichnet sie als selbstkritisches, lernfähiges Gemeinwesen aus.

05.11.2012

© Thomas Luczak

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